Christoph Kolb: Wortverdreher
Träumer. Autor. Rumschreiber
 

Timelash II

Kassel. Wenn ich dieses Wort höre denke ich fast automatisch an ein Stück Kochfleisch mit Sauerkraut. In die Stadt hat es mich irgendwie noch nie verschlagen. Aber die Veranstalter der Timelash Convention haben sich eben just diese Stadt und ihren Kulturbahnhof für ihre Veranstaltung ausgesucht. Wie ich später erfahren habe, weil die Stadt so schön zentral in Deutschland liegt und gute Reisemöglichkeiten bietet (Frankfurt a.M. mit seinem Flughafen ist auch nicht so weit entfernt). Ich habe bereits im letzten Jahr mit dem Gedanken gespielt, die erste Timelash zu besuchen. Aber da fand ich die Gästeliste nicht wirklich berauschend. Dieses Jahr gab es für mich aber mit Ol' Sixie Colin Baker und für mein holdes Weib Gareh Ianto David-Lloyd aber Grund genug.

Location

Wie bereits erwähnt, fand die Timelash II im Kulturbahnhof Kassel statt. Das ehemalige Bahnhofsgebäude liegt direkt neben dem neuen Hauptbahnhof Kassel und versprüht mit seinen roten Backsteinen und dem stillgelegten Gleis einen rustikalen Charme. Das Innere des alten Gebäudes hat man jedoch gründlich modernisiert. Meine Befürchtung, der Lärmpegel könnte neben einem Hauptbahnhof etwas hoch sein, hat sich nicht bewahrheitet. Kassel ist eben nicht der Nabel der Welt. Die Panels wurden jedenfalls nicht durch das Donnern eintreffender Züge gestört.


Der Eingangsbereich neben einem stillgelegten Bahngleis

Alles in allem war der Convention Bereich sehr überschaubar. Direkt am Eingangsbereich war der Infostand. Ein kleiner Stand vom Personal des Kulturbahnhofs versorgte die Besucher mit Kaffee, Getränken, Kuchen und kleinen Snacks (gut, die waren öfter ausverkauft, aber immerhin). Vom Eingangsbereich ging es zentral weg zu dem Autogrammraum/Photo-Shoot-Bereich, dem Hauptsaal und in den ersten Stock zu den Händlern. Der Hauptsaal hatte Aula-Charakter. So wie eigentlich die ganze Convention - nicht negativ gemeint - ein bisschen an Schulveranstaltungen erinnerte. Das stillgelegte Bahngleis im Außenbereich war dann entsprechend auch der Schulhof für Vesper, Raucher und einfach mal entspannen. Damit kommen wir auch zur einzigen, wirklichen Kritik: Wollte man sich einfach mal kurz hinsetzen blieben einem nur die Bänke oder der Mauervorsprung des alten Bahngleises.

Panels


Der Hauptsaal für die Panels

Meine Holde und ich waren nur am Sonntag da, daher haben wir nicht allzu viele Panels gesehen. Im Gesamten eigentlich nur zwei und zwei weitere teilweise. Der Panelsaal war gut aufgebaut. Wenn das Veranstalterteam ihre Convention jedoch vergrößern will, wird Kassel über kurz oder lang wohl nicht mehr ausreichen. Bei den Panels der "Großen" - namentlich Colin Baker, Gareth David-Llyod und Ingrid Oliver - waren die Sitzmöglichkeiten restlos belegt und die Stehplätze auch gut besetzt.

Das erste Panel, das wir besucht haben, war von Catherine Schell. Die Aktrice hatte nur einen Auftritt im Who-Universum, dafür aber gleich in eine der besten Episoden. "City of Death", verfasst von Douglas Adams, aus der Tom-Baker-Ära. Darüber hinaus hatte Schell jedoch eine bunte Filmographie, die u.a. "James Bond: Im Geheimdienst ihrer Majestät", "Der rosarote Panther kehrt zurück" und natürlich die Rolle der Maya in "Mondbasis Alpha 1" beinhaltet. Schell dürfte die Grand Dame der Con gewesen sein. Ihre Antworten waren sehr höflich, immer direkt auf den Fragestellenden gerichtet und mit einem angenehm trockenen Humor angereichert. Schell freut sich darüber, dass einige ihrer Arbeiten - wie etwa Bond, Doctor Who und Alpha 1 - sich nach so vielen Jahren immer noch großer Beliebtheit erfreuen. Als ihre Lieblingsarbeit gab sie den TV-Mehrteiler "Napoleon and Love" (1974, mit Ian Holm) an. Angesprochen auf ihre weniger guten Arbeiten, meinte sie pragmatisch, das man als Schauspieler meist keine andere Wahl hätte, eine Rolle anzunehmen, wenn man den seine Miete bezahlen wolle. Keine ihrer Rollen hat sie je bedauert. Insgesamt: Sehr sympathisch.


Frauenliebling auf der Con: David Gareth-Llyod

Bei Frau Schell war der Saal gut gefüllt; bei Gareth David-Llyod war er voll. Und die Mädels etwas lauter. Auch Llyod hinterließ von Anfang an einen sehr sympathischen Eindruck. Ganz britisch, trank er während des Panels Tee und antwortete sehr höflich. Meistens erzählte er Anekdoten von seiner Zeit am Torchwood Set. Wie nicht anders zu erwarten, wurde er - wie der Rest des Casts - des Öfteren Opfer der Scherze von John "Jack Harkness" Barrowman. Der Brüller des Saals war eine Anekdote vom Dreh seiner letzten Szene in "Torchwood". Wir erinnern uns: Ianto stirbt, Jack umarmt ihn unter Tränen. Dabei verlor Mr. Barrowman wohl nicht nur Tränen sondern auch ein bisschen... ähem... Nasenflüssigkeit. Apropos Iantos Tod: Angesprochen auf den Fan Schrein in Cardiff, gab Llyod an, es gleichermaßen als Ehre als auch sehr schräg zu empfinden. Er besucht ihn auch nur etwa zweimal in der Woche?. Dann habe ich mich auch getraut eine Frage zu stellen: Ob er es als Fehler empfunden habe, dass nach der zweiten Staffel so viele Charaktere - u.a. auch er selbst eine Staffel später - den Tod finden mussten (mein genauer Wortlaut "Killing off the whole main cast" sorgte dann auch für ein bisschen Gelächter im Saal). In Verbindung zu einer anderen Frage meinte Llyod, dass er es natürlich schade fand, dass Burn Gorman (Owen), Naoko Mori (Tosh) und er die Serie verlassen mussten. Allerdings empfand er es als gut geschriebenes Drama. Iantos Tod war wohl schon eine Überlegung in der ersten Staffel, von daher hat er mit drei Staffeln und zwei Auftritten in "Doctor Who" mehr bekommen, als er erwartet hatte. Nach seiner Meinung war es eher der Verlust von Wales und Cardiff (Staffel 4), die der Serie nicht gut getan hat. Die Schauspieler von Torchwood seien allerdings bis heute in Kontakt und gute Freunde. Für Fans seiner musikalischen Aktivitäten interessant: Es sei schwer, die Mitglieder von der Prog-Metal-Band Blue Gillespie immer wieder zusammen zu kriegen, aber für dieses Jahr ist immerhin ein Weihnachts-Song geplant. Zum Schluss nahm Gareth dann noch ein Video für John Barrowman auf, in der Hoffnung, dass der Schauspieler vielleicht auch mal nach Kassel findet. (Meine Holde hatte sich ein Meet-and-Greet-Ticket gegönnt. Mit 50 € preislich wie der Rest der Con ebenfalls moderat, gab es dann fast ein Stündchen mit dem Schauspieler in kleiner Gruppe. Muss ich erwähnen, dass alle freudestrahlend aus dem Aufzug kamen, als es vorbei war?)

Mein Highlight war dann Colin Baker. Der Darsteller des sechsten Doctors hatte vermutlich die undankbarste Zeit in der Rolle, aber irgendwie hat es mir dieser Underdog angetan. Der mittlerweile 73jährige Baker erwies sich auf der Bühne als Stimmungskanone und brachte den Saal mehrfach zum Lachen. Ebenso wie sein Alter ego kann Baker bissig und sarkastisch sein, allerdings ist er in natura weit liebenswürdiger als sein Doctor. Die Rolle bekam er durch eine Gastrolle in der Doctor-Who-Episode "Arc of Infinity". Dort spielte er die Rolle des gallifreyanischen Wächters Maxil, der nicht sonderlich nett zu dem Doctor (Peter Davison) war. Wie er schmunzelnd erwähnte, kam Produzent John-Nathan Turner während der Proben auf ihn zu, und gab ihm zu verstehen, dass er in der Serie "Doctor Who" mitspiele und dem Hauptdarsteller doch bitte nicht die Schau stellen solle. Die Rolle des Doctors bekam er dann - so man ihm glauben mag - weil J-NT von ihm auf der Hochzeitsparty (!) eines Mitarbeiters aus dem Doctor-Who-Stab Mittelpunkt der Aufmerksamkeit war. Dass er nicht für eine Regenerations-Szene zurück gekehrt ist, empfindet er bis heute nicht als Fehler. Nach seiner Aussage hätte ihn eine Regenerations-Szene dazu verpflichtet, zur Verfügung zu stehen und keinen anderen Job annehmen zu können. Er hat den Gegenvorschlag gebracht, die Season 24 komplett zu machen und am Ende der Staffel zu regenerieren. Baker gab zu Protokoll, der damalige Verantwortliche der Drama-Abteilung wolle sein Anliegen weiterleiten... aber es sei das Letzte, was er von ihm gehört hatte. Baker empfindet die Hörspiele, die er seit 1999 mit seinen Doctor-Kollegen für Big Finish macht, als sehr gut und meinte, dort hätte man seinen Doctor richtig verstanden. Deswegen hat er letztendlich auch nach fast 30 Jahren eine Regeneration gespielt. Seinen Besuch in Deutschland empfand er positiv. Baker meinte, er habe ein bisschen Angst davor, in ein Land zu gehen, dessen erste Sprache nicht Englisch ist, sei aber von den guten Englischkenntnissen der Deutschen beeindruckt. Closing Word: "You Germans are much more european than the people in Britain." Später hatte ich dann noch die Möglichkeit mit Mr. Baker am Autogrammstand zu plaudern. Irgendwann hatten wir es über John Nathan-Turner und er meinte doch tatsächlich "You look a bit like him" (und nein, ich hatte kein buntes Hemd an. Das muss ich erstmal verdauen *g*). Insgesamt: "Mein" Doctor hat mich nicht enttäuscht.


Colin Baker und ein sehr glücklicher Fan

Bei Ingrid Oliver, Darstellerin der UNIT Mitarbeiterin Osgood, war es dann brechend voll. Da ich etwas zu spät zum Panel kam, habe ich auch nur wenig von ihm mitbekommen. Positiv: Frau Oliver hat - ihrer deutschen Wurzeln sei Dank - das ganze Panel in nahezu akzentfreiem Deutsch gehalten. Sie sei überrascht, wie positiv der Charakter ankam (scheinbar war er als one-off in "Der Tag des Doktors" geplant gewesen) und käme immer wieder gerne zurück. Für die Szenen mit der doppelten Osgood aus der letzten Staffel durfte sie beim Casting ihres Doppelgängers mit dabei sein. Und mehr habe ich leider nicht wirklich mitbekommen...


Autogramme und Fotos

Bei der Timelash ist es so, dass die einzelnen Stargäste zu unbestimmten Zeiten - wenn sie natürlich nicht gerade ein Panel halten oder im Photo-Shoot sind - immer mal wieder an die Autogrammtische zum Signieren kommen. Bezahlt wurde beim Helfer direkt neben dem Stargast. Durch die zeitliche Verteilung war es nie wirklich voll und man hatte die Möglichkeit, auch mal einen Plausch zu halten. Der Photo-Shoot lief auch problemfrei ab. Auf den Fototickets stand die Nummer. Abgefertigt wurde in 20er Blöcken (Also 1-20, dann 21-40 etc.). Auch hier positiv: Auf die übertriebene Hektik anderer Convention wurde verzichtet (was natürlich auch damit zusammenhängt, dass es eine kleinere Con war). Die Fotos lagen dann rund eine Stunde später zur Abholung bereit. Preislich war das alles in einem moderaten Rahmen: Je nach Stargast fielen zwischen 10 und 30 € für Autogramm oder Foto an. Da ist man schon ganz anderes gewohnt.

Händlerraum

Gut, ich bin nicht der große Merchandise Fan. Aber der Händlerraum war doch schon gut. Zwei größere Stände haben den Who-Fan mit allem möglichen versorgt, von Plüsch-Daleks über Schallschraubenzieher bis hin zu Action Figuren. Ferner gab es einen Audio-Stand mit den Hörspielen von Big Finish und Lübbe; selbstgemachtes; Autogrammen und Schmuck. Gut, meine Holde meinte schneckisch, es gäbe nichts zum Anziehen (Frauen halt?), aber ansonsten war das schon nett. Zumal der Händlerraum auch noch eine Couch-Ecke hatte, die zumindest am späten Nachmittag mal frei war.

Fazit

Ich glaube mein Bericht zeigt es bereits: Ich bin begeistert. Die Timelash ist organisatorisch, preislich und vom Feeling eine tolle Convention. Und unter gleichgesinnten Verrückten ist man ja immer gerne. Ich ziehe meinen Hut und hoffe, dass es in eine 3. Runde mit tollen Stargästen geht.

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Chronik der Galaxie, Bd. 723:

...und den Bewohnern des Planeten Erde war durchaus bewusst, dass ihre Zivilisation dem Untergang geweiht war. Es ist 5 vor 12 war eine gängige Analyse. Die meisten Wesen im Universum reagieren auf den Untergang ihrer Zivilisation wahlweise mit Freude, Verzweiflung oder Panik. Anders die Bewohner des Planeten Erde. Diese meinten: "Also, können wir noch 5 Minuten Party feiern, ja?"...


 
...and the sky is the limit!