Christoph Kolb: Wortverdreher
Träumer. Autor. Rumschreiber
 

Roger Waters: The Wall live

09. August 2013, Frankfurt, Commerzbankarena


"The Wall" ist ein Ausnahmealbum im Schaffen von Pink Floyd. Und es war das Album, dessen Vorgeschichte, Entstehung und Live-Tour Bassist und Konzeptionist Roger Waters letztendlich vom Rest der Band isolierte. Eine Ironie, wenn man darüber nachdenkt, dass ein Album, in dem es um den Fall einer persönlichen Mauer geht, eine Mauer zwischen Roger Waters und Pink Floyd errichtet hat.

Der Song "Another brick in the wall, Pt. II" war ein Riesenhit und bis heute noch im regelmäßig im Radio. Doch repräsentativ für das Album ist die trotzige Schülerhymne nicht. Das Album im Ganzen verstehen zu können, ohne die Begleitumstände der Entstehung zu wissen, die Person Roger Water zu kennen oder den dazugehörigen Film gesehen zu haben, ist fast unmöglich. Ganz grob heruntergebrochen: Es geht um den desillusionierten Rockstar Pink. Eigentlich sollte er auf der Bühne stehen, aber er hat sich im Drogenrausch in ein Hotelzimmer zurück gezogen. Wir hören die Geschichte seines Lebens. Seinen Vater, den er nie kennenlernte, da er im zweiten Weltkrieg fiel; seine übervorsorgliche Mutter; grausame Lehrer in der Schule; die raffsüchtige Ex-Frau - alles Erlebnisse, die einen symbolischen Stein in der Mauer darstellte, die er um sich errichtet hat. Die Handlung spielt sich permanent auf zwei Bewusstseinsebenen ab: Die eine ist Pinks Drogenrausch, das andere ist die "Realität", wenn Pink letztendlich dann doch auf die Bühne gezogen wird, um sein Konzert abzuhalten. Das Ende der ganzen Geschichte: Die Mauer fällt und Pink muss sich - ungeschützt - seinem normalen Leben stellen.

"The Wall" ist ein kontroverses Werk. Musikalisch wie textlich umstritten. Und auch der Seelenstrip, den Roger Waters hier gibt - denn Pink ist natürlich niemand anderes - ist auch nicht jedermanns Sache. Aber es ist dennoch beachtlich. "The Wall" lässt niemanden gleichgültig. Egal ob man das Werk nun mag oder nicht.
Wie bereits erwähnt, trieb dieses Album und die darauffolgende Tour Roger Waters und die übrigen Mitglieder von Pink Floyd auseinander. Die Meinungsverschiedenheiten waren an einen Punkt gekommen, an dem an ein Zusammen nicht mehr möglich war. Die Live Tour 1980/1981 wurde in nur vier Städten an mehreren Abenden aufgeführt, da der Bühnenaufbau so gigantisch war, dass an eine Tournee nicht zu denken war. Das Ende vom Lied: Roger Waters löste Pink Floyd nach einem weiteren Album - "The final cut", welches aber eher als Soloalbum von Roger mit Beteiligung der anderen gesehen werden kann - auf. Die übrigen Mitglieder nahmen dies nicht ohne weiteres hin und reformierten die Band Mitte der Achtziger ohne Waters, was dem Verhältnis beider Parteien natürlich nicht gut tat. Erst viele Jahre später sollte ein gemeinsamer, letzter Auftritt bei "Live Earth" die Band wieder vereinen. (Alles nachzulesen im übrigen auf Bruder Franziskus).


Nachdem Roger Waters mit seinen Soloveröffentlichungen nicht an den Erfolg von Pink Floyd anknüpfen konnte, zog er sich für Jahre aus dem Musikbusiness zurück. Doch ab Ende der Neunziger konnte er mit seinen Liveauftritten wieder Erfolge verbuchen. Stets mit einer guten Sammlung von Floyd Material in der Hinterhand füllte er zumindest live eine Lücke, welche die Band nach ihrer letzten Tour 1994 hinterlassen hatte. Neben den Hits führte Roger Waters dann den Floyd-Meilenstein "The dark side of the moon" im Kompletten auf. Um diesen beachtlichen Erfolg zu toppen, konnte es nur eine Wahl geben: Noch einmal "The Wall" aufführen. Und dank ausgefeilterer Bühnentechnik konnte dieses Werk nun endlich von Stadt zu Stadt ziehen. Und nachdem die erste Deutschland Tour 2011 schnell ausverkauft war, so kam ich beim Nachschlag 2013 dann glücklicherweise zum Zug und konnte ein Ticket ergattern.

Um den Eintrittspreis von 120 € kann man sich streiten. Wenn man dann aber sieht, was einem geboten wird, bereut man nicht einen Cent davon. "The Wall live" ist kein Konzert im üblichen Sinne. Es ist eine monumentale Aufführung, die man allenfalls noch mit einem aufwendigem Musical vergleichen kann. Bereits der erste Blick auf die teil errichtete Mauer zu Beginn des Konzertes offenbart die Größe, die dieser Aufführung folgen wird. Eröffnet wird natürlich mit dem donnernden "In the flesh?" - einer der härtesten Floyd Songs. Für alle die es nicht wissen: Der Song endet mit Pinks Vorstellung von einem Spitfire Angriff im zweiten Weltkrieg. Entsprechend blitzt, raucht und es sprüht es Funken auf der Bühne, was das Zeug hält: Roger Waters eröffnet sein Konzert, wie andere Bands es vielleicht beenden würde. Im weiteren Verlauf des Konzertes werden Videos, Farben, Formen und Sprüche auf die Mauer projeziert. Es zeigt sich, dass wohl jeder einzelne Stein der Mauer separat angestrahlt werden kann. Unmerklich für den Zuschauer erscheint Mauerstein um Mauerstein und komplettiert das Bollwerk bis zum Ende des ersten Aktes.


Der zweite Akt profitiert dann natürlich nicht nur von der dramatischer werdenden Handlung, sondern auch von der vollständig errichteten Mauer. Sie dient als Riesenleinwand, welche die Songs mit passenden Projektionen unterstützt. Im Gegensatz zu den Uraufführungen lässt sich Roger aber öfters vor der Mauer blicken. Überhaupt gibt es auch einige Abweichungen. Roger nutzt die Songs um Meinung über Krieg, Politik und Religion zu verkünden. Dabei ist er wie gewohnt schonungslos und der Zuschauer muss vielleicht nicht mögen, was Roger im da zeigt, aber zumindest akzeptieren. Allerdings zeigt sich bei diesen Auftritten auch, wie sehr Roger als Persönlichkeit gewachsen ist. Der charismatische Richard-Gere-lookalike auf der Bühne scheint noch immer gegen das Unrecht der Welt anzukämpfen, hat aber gleichermaßen Frieden mit sich selbst geschlossen. Man kann sich kaum vorstellen, dass es sich um denselben Menschen handelt, der in so ziemlich jeder Pink Floyd Biografie als größenwahnsinniger Egomane bezeichnet wird.
Zum Finale - der Gerichtsverhandlung mit sich selbst - zieht die Show dann alle Register und lässt die Mauer mit einem gewaltigen Getöse einstürzen. Roger und alle Musiker versammeln sich vor den Bruchstücken und beschließen das Konzert mit dem akustischen, ruhigen Song "Off the Wall".


Fazit: Wer "The Wall" nicht mag, wurde wohl auch mit diesen Shows nicht glücklich. All denjenigen, die diesem Werk - aus welchen Gründen auch immer - positiv gegenüber standen, dürften glücklich nach Hause gegangen sein. Roger Waters hat eine Show der Superlative gezeigt und diesem letzten, großen Floyd-Meilenstein 30 Jahre später erneut die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt.

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Chronik der Galaxie, Bd. 723:

...You better run all day and run all night, keep your dirty feeling deep inside, and when you taking your girlfriend out tonight, you better park the car well out of sight, 'cause when they catch you, they gonna send you back to mother...
  Pink Floyd "Run like Hell", "The Wall"



 
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