Christoph Kolb: Wortverdreher
Träumer. Autor. Rumschreiber
 

Leseproben


Niemand sollte die Katze im Sack kaufen - was sowieso ein schwieriges Unterfangen wäre, was jeder bestätigen kann, der Katzen nicht nur dem Sehen nach kennt. Daher gibt es hier Ausschnitte aus meinen bisher veröffentlichten Geschichten.





Leseprobe "Die Arche"
Veröffentlicht in "Totes Leben"


 (...) Der Anblick rief ein mulmiges Gefühl in mir hervor. An der östlichen Seite der Station befand sich ein Hügel aus Geröll, Gestein und Regolith. In Abständen ragten Kreuze hervor. Ich zählte siebzehn von ihnen. Stumme Zeugen, die auf vergangenes Leben hinwiesen. Hier hatte der letzte Wächter der Mondstation seine Kollegen beerdigt und hier betteten wir ihn ebenfalls zur letzten Ruhe.
Nachdenklich betrachtete ich den einsamen Friedhof durch eines der Fenster im Außenring. Das Bild, das er bot, war mein real gewordener Alptraum.
 Wird es irgendwann so enden?, dachte ich. Ein automatisches Habitat in tödlicher Umgebung? Eine lebensverheißende Oase, die doch nur den Tod enthält?
 „Wieder in Gedanken, Jackson?“, fragte Natalja.
 Ich schwieg einen Moment.
 „Kannst du es mir verdenken?“, antworte ich dann.
 „Nein, nicht wirklich“, meinte meine Frau und trat neben mich. Sie legte ihren Kopf an meine rechte Schulter. „Wir hatten doch alle die leise Hoffnung, ein paar Brüder und Schwestern lebendig vorzufinden.“
 Eine Weile herrschte Schweigen zwischen uns.
 „Sie hatten keine schlechten Bedingungen“, meinte ich schließlich leise. „Im Gegenteil: Ein größerer Garten, weniger Mäuler und mehr Platz für jeden. Und trotzdem sind sie alle tot.“
 Natalja nickte.
 „Aber du vergisst eines, Liebling“, erinnerte sie mich.
 „Und das wäre?“ Fragend blickte ich sie an.
 „Die Kinder“, antwortete Natalja. „Im Gegensatz zu den Moonies haben wir einen wichtigeren Grund als nur unsere eigene Existenz.“
 Ich nickte wortlos. Die Kinder hatten den Ausschlag für die Mission gegeben. Dreiundzwanzig wurden bislang auf dem Mars geboren. Für ihre Zukunft hatten wir die Reise angetreten. Es war eine Verzweiflungstat gewesen. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, wie die Erde aussah, nachdem das Virus die Menschheit vor einem Vierteljahrhundert in wenigen Monaten dahingerafft hatte. Doch die schwindenden Vorräte und nicht zuletzt ein Mangel an Sauerstoff, prognostizierten die Zukunft auf dem roten Planeten alles andere als rosig. Wir hatten buchstäblich nichts zu verlieren.
 „Wunderschön“, murmelte Natalja gedankenversunken. „Hättest du gedacht, dass wir unsere Heimat jemals wiedersehen würden?“ Sie hatte ihren Blick von den Gräbern abgewandt und betrachtete die Erde, die eindrucksvoll den Mondhimmel einnahm.
 „Nicht nach der Katastrophe“, antwortete ich. „Es ist ein komisches Gefühl.“
 „Aber ein schönes.“
 Natalja konnte ihren Blick nicht von der Erde lösen. Gebannt starrte sie den blauen Planeten an.
 „Kannst du dich an die Sonnenaufgänge erinnern?“, fragte sie. „Dann, wenn der Horizont zu glühen begann und das Licht die Schwärze der Nacht vertrieb?“
 „Ja“, antwortete ich. Dann lächelte ich und imitierte ihren poetischen Tonfall. „Und die Engel jauchzend vom Himmel hinabstiegen und Halleluja sangen?“
 Natalja stieß mir ihren Ellbogen gegen die Rippen.
 „Du bist ein Arsch!“, meinte sie, konnte sich jedoch ein Schmunzeln nicht verkneifen. Aber ich spürte, dass wir das Thema wechseln mussten, um nicht in Melancholie zu versinken.
 „Status?“, fragte ich sachlich.
 „Einwandfrei“, antwortete Natalja. „Daniela und Sebastian haben jeden Winkel der Station abgesucht. Sie ist in bemerkenswert gutem Zustand, wenn man bedenkt, dass sich die letzten Jahre niemand um sie gekümmert hat. Die ganze Anlage ist eine wahre Goldgrube. Samen, Ersatzteile, Proteinpacks, Ausrüstung. Auch wenn wir ein Dutzend Mal zwischen Mond und Mars hin- und herfliegen, können wir nicht alles mitnehmen.“
 „Na, dann haben wir zumindest einen Plan B“, meinte ich amüsiert. „Aber wie schaut es denn mit Plan A aus?“
 „Andrej hat den Orbitalscan gestartet“, antwortete Natalja. „Das Satellitennetz der Erde ist noch ziemlich gut in Schuss. In etwas weniger als einer Stunde dürfte der Scan abgeschlossen sein. Wir könnten ihm Gesellschaft leisten.“
 „Andrej kommt auch alleine klar. Ich denke, wir sollten die Zeit anderweitig nutzen.“
 Natalja nickte zustimmend.
 „Ja, es gibt genug zu tun“, antwortete sie gedankenversunken. „Sebastian und Daniela haben sicher schon eine Inventarliste erstellt. Mal schauen, was wir auf dem ersten Rückflug auf der Kopernikus unterbringen können und …“
 Sie hielt inne, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. Dann wurde ihr klar, was ich gemeint hatte, als ich anderweitig nutzen gesagt hatte. Das Schmunzeln, das ich so sehr an ihr liebte, erschien auf ihrem Gesicht.
 „Aha“, meinte sie und gab ihrer Stimme einen tadelnden Klang „Der Herr hat seine Frau also nicht grundlos ins weite All gelockt. Zukunft für die Menschheit, ja? Guter Trick, mein Lieber.“
 „Die Honey Moon-Suite?“, fragte ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „… oder eines der günstigen Zimmer?“
 „Na hör‘ mal“, antwortete sie mit gespielter Entrüstung. „Nach sieben Monaten Anreisezeit darf es schon das Beste sein.“
 „Dann werde ich uns Sekt aufs Zimmer kommen lassen und dem Pagen sagen, dass wir nicht gestört werden wollen.“
  Wir lachten beide. Bevor wir uns auf den Weg machen konnten, kam Andrej in den Außenring gestürmt.
 „Leute“, begann er keuchend. „Ihr werdet nicht glauben, auf was ich gestoßen bin. Das müsst ihr euch ansehen.“
 „Hat es nicht bis später Zeit?“, fragte ich missmutig.
 „Oh, glaubt mir, das wollt ihr sehen.“ Er machte kehrt, hielt jedoch inne, als er sah, dass wir verharrten. „Jetzt kommt schon!“
  Ich seufzte und gab Natalja mit einem Nicken zu verstehen, dass wir ihm folgen sollten.
 „Dein Bruder hat ein beschissenes Timing“, grummelte ich.
 Natalja nickte nur stumm. (...)

Zurück

Zitat

...und den Bewohnern des Planeten Erde war durchaus bewusst, dass ihre Zivilisation dem Untergang geweiht war. Es ist 5 vor 12 war eine gängige Analyse. Die meisten Wesen im Universum reagieren auf den Untergang ihrer Zivilisation wahlweise mit Freude, Verzweiflung oder Panik. Anders die Bewohner des Planeten Erde. Diese meinten: "Also, können wir noch 5 Minuten Party feiern, ja?"...
  - "Chronik der Galaxie, Bd. 723"



 
...and the sky is the limit!